Nr. 101 SERIE ROTH, AUGE UND SEHEN

Augenspiegel Heft 12/2019

 

DER KLEINE OPTIKER

Die Geschehnisse im Weltall, die Ereignisse im Mikrokosmos blieben den Menschen bis ins späte Mittelalter unbekannt. Erst nachdem die ersten brechenden Gläser erfunden und ihre optischen Gesetze entschlüsselt waren, begann die Erforschung des Weltalls mit dem Teleskop, das Mikroskop erschloss die Welt im Kleinen. Forscher der westlichen Welt nutzten die Errungenschaften der Optik um die Welt zu entdecken. Gerade das Wesen des Lichtes, seine Eigenschaften, vor allem seine Ausbreitungsgeschwindigkeit wurden diskutiert, aber es dauerte bis zum Ende des letzten Jahrhunderts um allein die Grenze der Lichtgeschwindigkeit zur erkennen. Noch immer ist die Wechselwirkung zwischen Masse und elektromagnetischer Welle ein Geheimnis, das selbst Einstein nicht enträtseln konnte. Wie aber ließ sich die Jugend für die Forschung motivieren, wie zum Abenteurer eigener Entdeckungen animieren?

 

Das war in erster Linie das Verdienst Franckh´schen Verlagsbuchhandlung Stuttgart – später KOSMOS – die in den 20er Jahren in Zusammenarbeit mit Naturkundelehrern Experimentier-Baukästen auf den Markt brachte. Mit ihnen konnte schon ein Schüler die physikalischen Gesetze erkennen und einfache optische Geräte wie ein Teleskop oder Mikroskop selbst bauen. Der Inhalt des Kastens reichte vom einfachen Aufbau eigener optischer Instrumente zum Entdecken der Brechungsgesetze oder den Eigenschaften des polarisierten Lichtes. Der Schüler lernte, wie ein Prisma das weiße Licht in seine Farben zerlegt oder ein Hohlspiegel das Licht in seinem Brennpunkt bündelt. Er baute sich seine Camera obscura oder ein Gerät, um Morsezeichen als Lichtimpulse zu übertragen.

 

Mit dem Inhalt des Kastens kann ein Stereoskop gebaut werden und so das räumliche Sehen nachvollziehbar dargestellt werden. Ein Kinematograph ermöglicht es Bewegungsabläufe, abgespeichert als Einzelbilder, in rascher Folge darzustellen um so die Technik eines Films verständlich zu machen. Auch die Vielfalt optischer Täuschungen wird ausführlich gezeigt und erklärt.

 

Mit einem kleinen selbst gebastelten Teleskop lassen sich die vier Monde des Jupiter – von Galilei entdeckt – oder der Ring des Saturn betrachten. Durch ein Mikroskop können Pflanzen und Käfer genauestens betrachtet werden. Selbst der lange Jahre von den Wissenschaftlern des ausgehenden Mittelalters auf das heftigste geführte Streit, ob ein Floh nun vier, sechs oder acht Beine habe, kann der junge Forscher jetzt selbst beantworten. Und was stellt er fest? Es sind deren sechs, der Floh zählt also zu den Insekten.

 

Zu den Geräten die gebaut werden können, gehört auch ein Diaprojektor. Mit Hilfe von Kerzenlicht wird ein röhrender Hirsch auf einem Diapositiv durchleuchtet und mittels einer Sammellinse auf eine weiße Papierscheibe projiziert. Zudem lässt sich demonstrieren, dass die Leuchtstärke einer Kerze mit dem Quadrat der Entfernung abnimmt. Auch das Farbenspiel kann jetzt untersucht werden, das Mischen der drei Grundfarben rot, grün und gelb ergibt beliebige neue Farben. Interferenzen, Komplementärfarben oder die optische Täuschung durch Nachbilder läassen sich im Experiment nachweisen.

 

Der Optik -Baukasten wurde bei Ebay entdeckt, sein Preis war infolge des Fehlens weiterer Interessenten bescheiden. Nach sorgfältigem Reinigen der einzelnen Teile wurde überraschenderweise festgestellt, dass sämtliche Bauteile noch vollständig vorhanden waren und nahezu unbeschädigt sind. Nur die Streichhölzer, sie wurden damals aus Sicherheitsgründen nicht mitgeliefert, wurden jetzt ergänzt, sie stammen aus den Nachkriegsjahren. Dadurch lassen sich alle im Begleitheft beschriebenen 280 Versuche aus der Lehre vom Licht, auch heute, nach fast einhundert Jahren, noch problemlos durchführen.

 

Unbekannt ist, wem der Baukasten einst gehörte. Leisten konnte sich ihn in der Zeit der Rezession nur ein gut situiertes Elternhaus, so wird der Preis im Katalog aus dem Jahr 1923 mit 28 Reichsmark angegeben. Aus dem hervorragenden Erhaltungszustand des Baukastens, – selbst das kleine Talglicht wurde nur einmal benutzt, ist zu schließen, dass der einstige Besitzer ihn bald gelangweilt zur Seite stellte. Eins scheint damit sicher, ein Optiker oder Augenarzt wurde er nicht.

 

Autor:

Dr. Hans-Walter Roth, Augenarzt

Institut für wissenschaftliche Kontaktoptik

Im Wiblinger Hart 48

89079 Ulm

DER KLEINE OPTIKER Dezember 7, 2019